Interview Claudia Gschwind: „Business as (un)usual“

Business as (un)usual – wie hat die Coronapandemie mein Arbeitsleben verändert?

Es mag komisch klingen, aber ich habe für mich persönlich festgestellt, dass sich durch Corona in meinem Arbeitsleben viele positive Veränderungen ergeben haben. Als Personalberater verbringt man naturgemäß sehr viel Zeit auf Reisen, um direkt vor Ort mit dem Kunden zu sprechen. Besprechungen, die vor Corona unbedingt Face2Face sein mussten, gehen plötzlich doch auch per Videokonferenz. Das ist rein zeitlich deutlich effizienter und trägt mit zu dem bei, wonach wir alle suchen: Entschleunigung.

Das Thema Homeoffice ist für mich nicht neu, da ich als Mutter immer schon versucht habe, in der Zeit, in der ich nicht unterwegs bin, möglichst häufig im Homeoffice zu sein. Das ist bei mir etwas einfacher, weil ich eine eigene Büroetage – sozusagen eine kleine Zweigstelle zu den Hauptstandorten von HealthCorp Partners in Deutschland, Österreich und der Schweiz – in meinem Haus habe. Meine Tochter weiß, dass ich dort nicht gestört werden will, das hat sie von klein auf gelernt. Ich habe dort echte „Büroatmosphäre“ und dabei auch noch genug Platz für etwaige Besprechungen mit Mitarbeitern. Aktuell laufen allerdings alle Teambesprechungen und der regelmäßige Jour fixe nur per Videokonferenz. Nach anfänglichen technischen Startschwierigkeiten klappt das jetzt super.

Welche Herausforderungen erlebe ich in meinem neuen Arbeitsalltag?

So schön die Zeitersparnis durch fehlende Reiseaktivitäten auch ist, so sehr fehlt – insbesondere durch die andauernden Kontakteinschränkungen – die persönliche Beziehung. Diese ist dauerhaft nicht zu ersetzen, weder zu unseren Kunden noch zu den Kandidatinnen/Kandidaten. Ich führe normalerweise ausschließlich persönliche Interviews, weil ich dadurch einen anderen Gesamteindruck erhalte. Es geht bei der Suche nach einer passenden Kandidatin bzw. einem passenden Kandidaten ja nicht nur um fachliche Voraussetzungen, sondern auch um den persönlichen/kulturellen Fit. Dazu gehören Dinge wie die Körpersprache, der Gesamtauftritt bzw. die Erscheinung (gepflegte Hände bis hin zu geputztem Schuhwerk …, um nur einige zu nennen). Allein ein Händedruck ist schon sehr aussagekräftig. Das entfällt leider alles und macht es schwerer. Hier hilft mir nun die Erfahrung aus 25 Jahren Interviewführung.

Wie löse ich diese Herausforderungen effizient?

Tatsächlich muss ich mich, insbesondere bei Interviews mit Kandidatinnen/Kandidaten, noch stärker auf das bildliche oder telefonische „Gegenüber“ fokussieren, noch mehr Nuancen in den Antworten „herauslesen“ und zwischen den Zeilen „hören“. Dafür gibt es kein Rezept – es bedarf nicht nur viel Übung, sondern vor allen Dingen eines echten Interesses an der Person. Kleine Unaufmerksamkeiten fallen im Telefonat oder der Videokonferenz viel stärker ins Gewicht.

Auf Kundenseite habe ich eine sehr hohe Anzahl von Stammkunden, die mir schon sehr lange die Treue halten. Daher ist es für einen begrenzten Zeitraum auch kein Problem, auf einen direkten Face2Face-Austausch zu verzichten. Bei Neukunden ist das schwieriger, aber auch das hat in den vergangenen Wochen gut geklappt. Das Briefing erfolgt virtuell und man vertagt einfach das persönliche Kennenlernen.

Wie führe ich meine Leute derzeit und schaffe es gleichzeitig, mein Team und mich motiviert zu halten?

Nicht nur ich selbst, sondern auch meine Mitarbeiter haben seit langer Zeit die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Das wird rege in Anspruch genommen. Insofern ist das Thema „virtuelle Führung“ bei uns nicht neu. Etwaige Themenstellungen fachlicher oder persönlicher Natur werden genauso zeitnah angesprochen wie im klassischen Anwesenheitsoffice.

In Zeiten von Corona sind allerdings neben optimalen technischen Voraussetzungen auch für alle einsehbare Projektlisten wichtiger als sonst, damit jeder Mitarbeiter auf dem gleichen Stand der Dinge ist. Zudem habe ich Mitarbeiter, die Homeoffice „können“. Es eignet sich nämlich nicht jeder dafür – es gehört Selbstdisziplin und ein sehr strukturierter Tagesablauf dazu, damit man sich nicht im Homeoffice „verliert“. Meine Mitarbeiter empfinden die Möglichkeit des heimischen Arbeitens als echte Bereicherung, weil sich morgendliche und abendliche Fahrtwege im Stau vermeiden lassen oder man eben zur Mittagspause mit den Kindern zusammen am Tisch sitzen kann.

Was nehme ich kurz-, mittel- oder langfristig aus dieser Zeit mit?

Das Wissen, dass man auch in ungewöhnlichen Zeiten ein Unternehmen erfolgreich führen kann – wenn alle mitziehen!

Werde ich in Zukunft vermehrt auf Videokonferenzen anstelle von Face2Face-Meetings zurückgreifen?

Auf Bestandskundenseite würde ich mir das sehr wünschen und es sicher auch proaktiv noch öfter anregen. Bei Neukundinnen/Neukunden bleibe ich lieber bei Bewährtem, also bei persönlichen Kontakten, denn auch diese wollen einen persönlichen Eindruck vom Berater haben. Hinsichtlich der Interviews mit Kandidatinnen/Kandidaten bin ich froh, wenn ich wieder zu persönlichen Gesprächen zurückkehren kann. Das macht einfach mehr Freude!

Sie finden dieses Interview mit Claudia E. Gschwind und anderen Frauen aus der Gesundheitswirtschaft auf der Homepage der Healthcare-Frauen.